Begegnungen

Kalt ist der Abendhauch

21:21 Uhr. Gleich ist wieder Ausgangssperre. Tatsächlich sind die Straßen leerer. Ich bin grade nochmal ins Theater gelaufen, um das Licht in dem NACHT-GEDANKEN-Kasten anzuknipsen. Seit heute hängt er am Zaun und beherbergt die von Menschen aufgeschriebenen Worte auch Bilder. Am Nachmittag hatte ich „Kinderdienst“ für meine Enkeltochter, 8 Jahre alt. Ich habe ihr von der Idee erzählt, das ich versuche wegen der nächtlichen Ausgangssperre ein Nachtbuch und kein Tagebuch, zusammen mit anderen Menschen zu schreiben. Das fand sie cool und prompt hat sie dafür mit Kreide ein Gedankenbild gemalt. Hm. Das kommt auch in den Kasten.

Auf dem Rückweg traf ich noch einen lieben Kollegen. Ein ehemaliger Opernsänger, auf seinem abendlichen Spazierweg. Wir haben über Gott und die Welt geredet. Am Ende fassten wir den Schluss, dass wir uns jetzt doch allabendlich hier treffen könnten, einander „Hallo und dies und das“ zu erzählen. Ich auf dem Weg zum Licht anknipsen und er auf seiner ärztlich verordneten Tagesausklangsrunde also kurz vorm Türzuschließen doch noch einem Menschen in echt begegnen.

Ich lebe allein und eigentlich gern aber die Vorstellung, ich werde in den nächsten Wochen und Monaten immer ab um 22.00 Uhr nur mit mir zusammen sein, fühlt sich nicht gut an, verleiht mir plötzlich ein tiefes Gefühl von Einsamkeit. Warum? Sonst lebe ich doch auch gut mit mir allein. Das Unfreiwillige dreht das einfach um. Seit über 20 Jahre hatte ich fast allabendlich im Theater immer viele, viele Menschen um mich herum. Das war manchmal auch anstrengend aber eben mein schönes Theaterleben. Auch diese Begegnungen gibt es nun schon über Monate nicht mehr und nun auch noch allein zu Hause sein müssen. Ich bin traurig.

Draußen leuchtet ein unglaublich schöner Vollmond obwohl es sehr kalt ist, werde ich mein Fenster weit aufreißen. „So legt euch denn ihr Brüder in Gottes Namen nieder, kalt ist der Abendhauch“, das sind plötzlich nicht mehr die schönen Worte aus Matthias Claudius Lied, sondern es nimmt aus wie Hohn und Spott in dunkler langer Nacht.

Ich werd´ mir einen Tee machen.

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