Begegnungen

Marmeladentante

Am Morgen backe ich Brot. Brotbacken, Senfherstellung und Seifen sieden sind Dinge, die mittlerweile meinen Alltag beherrschen und ihn verschönern. Bis vor einem Jahr habe ich über alle gelächelt, die mich mit ihren selbst hergestellten Dingen beglücken wollten. Nun bin ich so eine „Marmeladentante“. Selbst meine mitten im Leben stehende, pragmatische Freundin G. hat uns neulich mit ihrem selbstgemachten Bärlauchpesto überrascht. Als wir dann noch Rezepte ausgetauscht haben, musste ich innerlich doch schlucken. Demnächst tragen wir über die ausgeleierten Jogginghosen, die unsere Alltagskleidung sind, Dederonschürzen. In meinem großem Kostümfundus, der seit sechs Monaten in den Kellerräumen verstaubt, findet sich vielleicht noch so ein Relikt aus der Hausfrauenära.  

Seit über 20 Jahren mache ich Führungen, insbesondere an den Sonntagen. Darum ist für mich bis heute ungewöhnlich an diesem Tag frei zu haben. Schon als Kind mochte ich diesen arbeitsfreien Tag nicht. Die Ruhe und die Langsamkeit der Sonntage war nie etwas für mein Gemüt. 

Darum plane ich seit Beginn des Lockdowns meine Sonntage in Wochen voraus. Ich habe eine Wanderfreundin, zwei Autoausflugfreundinnen, eine Picknickbekannte. Jede Einzelne wird im vier bis fünf Wochenrhythmus in meinen Sonntagen zur trüben Gedankenvertreiberin.

Heute sind meine beiden Autoausflugsfreundinnen dran. Da wir alle drei in jeweils einem eigenen Haushalt leben, verstoßen wir mit unserem Ausflug gegen das Bundeshygienegesetz. Ich setze mich auf die Rückbank und probe während der Fahrt wie ich mich im Fall der Fälle flach auf diese legen kann. Nachdem wir uns in den letzten Wochen auf die Spur von Katharina der Großen gemacht haben, wollen wir diesmal auf der von Prinzessin Anna Wilhelmine wandeln. Die unverheiratete Prinzessin bekam von ihrem Vater, dem Alten Dessauer, in Mosigkau ein Schloss geschenkt. Auf der fast einstündigen Autofahrt tauschen wir uns über unseren Forschungsstand zur Anhaltinischen Geschichte aus. Leider können wir uns den prunkvollen Rokokobau nur von außen betrachten. Noch am Abend vorher hatten meine Freundinnen drei Onlinetickets für den Schlossbesuch ergattert. Der Computer hatte noch nichts vom Verbot des Museumsbesuches in Lockdownzeiten mitbekommen, erst am Morgen hatten die Mitarbeiterinnen uns telefonisch die Absage erteilt und sich für den Fehler im System entschuldigt. 

Obwohl es ziemlich kalt ist, der April ist seit 30 Jahren der kälteste, machen wir ein Picknick im wunderschönen Park. Versteckt hinter Hecken, über die aber ständige Gartenbesucher*innen schauen und uns freudig zuwinken. 

Der absolute Renner auf unser Picknickdecke ist mein selbstgebackenen Brot, meine Freundinnen sind ganz wild auf das Rezept…

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