Begegnungen

Wie ein Foto aus vergangenen Zeiten

Der Tag begann für mich mit einem Abschied. Mein 23jähriger Sohn hat das Land verlassen, mit dem Flugzeug, Richtung England, einfach so.                         

Alle gut gemeinten mütterlichen Ratschläge hatten diese Abreise wochenlang verhindert. Aber nun war seine Liebe zu seiner italienischen Freundin, die in England lebt, stärker als Tests, Quarantäne oder gar Lockdowns. Gemeinsam mit dem Vater des Kindes, der schon lange nicht mehr das Leben mit mir teilt, haben wir ihn nach Berlin zum Flughafen gefahren.

Für einen Moment sind wir wie eine ganz normale Familie: Vater, Mutter, Kind. Auf dem Abschiedsfoto sehen wir mit unseren Masken und Sonnenbrillen aus, als ob wir das nächste Flugzeug kapern wollten. Aber wir Alten bleiben auf dem Boden, das Kind fliegt hinaus in die Welt. Recht hat er. Das Foto, was er aus dem Flugzeug schickt, wirkt wie ein Foto aus vergangenen Zeiten. Alle Sitzreihen voll, alle eng bei eng. Mir ist mulmig, mittlerweile ungewohnten Anblick. Auf der Fahrt zurück reden wir Eltern kaum ein Wort miteinander, nicht nur weil zwischen uns alles gesagt ist. 

In der Nacht zum Samstag träume ich wild und schlafe lange.

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