Erinnerungen, Traumreisen

Hasendämmerung

Wie beginnt man ein Tage- äh Entschuldigung ein Nachtbuch? So?

…heute ist der 24. April 2021, es ist Samstag, um 18.47 Uhr. Ich sitze bei mir zu Hause auf dem Werder an der Elbe, schaue aus dem Fenster auf eine imposante Brückenbaustelle, deren Arbeiten 2023 abgeschlossen werden sollen. Das ist in ca. 800 Tagen, nein Nächten. Ist das Leben dann wieder im normalen Fluss? Was bedeutet überhaupt normal? Ein Gesprächsansatz.

Also ich warte hier auf die erste Nacht mit Ausgangssperre. Hu, das fühlt sich so blöd an. „Ausgangssperre“ hörte ich das letzte Mal als ich einen Freund hatte, der damals bei der Armee war und irgendwas angestellt hatte und deshalb nicht in den „Ausgang“ gehen durfte. Also was haben wir angestellt, dass wir nicht raus dürfen? Wir haben unsere Natur schlecht behandelt, einer mehr der andere weniger, dafür kriegen wir jetzt Stubenarrest. Mhh.

Draußen ist eine verlockende Abendsonne wenngleich noch ungewöhnlich kalt. Aber unter meinem Fenster flanieren Menschen, steigen vornehmlich Junge, ihre Maske auf oder abziehend, in und aus der Straßenbahn der Linie 4. Sie haben zumeist Rucksäcke, bestimmt ist Bier drin und ne Zahnbürste?

Ich habe den ersten Spargel auf dem Herd, denn morgen früh kommt ne Yogafreundin zu mir und nach den Cobras und Hunden, müssen wir auch was essen.

Morgen früh um 10.00 Uhr. Noch 15 Stunden, die erste Nacht in meinem erwachsenen Leben, an der ich nicht ohne Begründung rausgehen darf. Gut, alle geheimen Clubs und auch die Theater und Kneipen haben sowieso dicht, also wo soll ich hin? Ich muss nicht weg, mein zu Hause ist schön und im Kühlschrank steht ein „Maximin Grünhaus Riesling, 2019 Alte Rebe Fass 22“. Für alle Fälle.

Die letzten nächtlichen Ausgangssperren gab es in Deutschland nach dem Krieg. Wenn man grade heute die Medien verfolgt, gibt es Kriech und Krach allerorten. Um 53 Videobotschaften von Schauspielkollegen zum Beispiel. Aus ganz persönlichen Gründen mag ich auch keinen Sarkasmus aber in diesen Zeiten begeht jeder ein Erklärungsversuch, mancher glückt mancher nicht. Es wäre natürlich wünschenswert mit und nicht gegeneinander zu reden. Aber wer will sich hier frei vom Steinwurf sprechen?

Ich bin erinnert an die vielen Osterabende in der Angel, an denen Geiger König mollige Töne zu Hermann Löhns „Hasendämmerung“ strich, hier die klingenden Worte am Ende der heidnischen Erzählung:

„Als es vom Dorfe Mitternacht schlug, da wurden Mümmelmanns Seher groß und starr; er sah die Zukunft vor sich: »Der Mensch ist auf die Erde gekommen«, sprach er, »um den Bären zu töten, den Luchs und den Wolf, den Fuchs und das Wiesel, den Adler und den Habicht, den Raben und die Krähe. Alle Hasen, die in der Üppigkeit der Felder und im Wohlleben der Krautgärten die Leiber pflegen, wird er auch vernichten. Nur die Heidhasen, die stillen und genugsamen, wird er übersehen, und schließlich wird Mensch gegen Menschen sich kehren, und sie werden sich alle ermorden. Dann wird Frieden auf Erden sein. Nur die Hirsche und Rehe und die kleinen Vögel werden auf ihr leben und die Hasen, die Abkömmlinge von mir und meinem Geschlecht, Du, Ludjen, mein Schwestersohn, wirst den reinen Schlag fortpflanzen, und dein Geschlecht wird herrschen von Anfang bis Untergang. Der Hase wird Herr der Erde sein, denn sein ist die höchste Fruchtbarkeit und das reinste Herz.« Da rief der Kauz im Walde dreimal laut: »Komm mit, komm mit, komm mit zur Ruh, zur Ruh, zur Ruhuhuhu!«, und Mümmelmann flüsterte: »Ich komme«, und seine Seher brachen.“

Ach Menschenskinder, wat war das noch schön, damals auf der Bühne. Ich glaub einen kleinen Schluck vom Riesling sollte ich jetzt probieren und noch mal ums Haus gehen, solange noch Licht im Himmel ist.

Etwa drei Stunden später: Ich bin nicht ins Freie gegangen, weil inzwischen eine liebe Freundin kam und ich sie nach ihrer Meinung zu meinem Vorhaben: Ein Nachtbuch mit dem aktuellen Untertitel (ich wanke noch zwischen Arbeitstiteln Ein Abendgruß hin und her) befragen durfte. Wir, inzwischen den empfehlenswerten Riesling ausgesüffelt habend, nehmen die ersten Tage- äh Nachtbucheintragungen von ZuschauerInnen zur Kenntnis und verabschieden uns vorbildlich gegen 22.00 Uhr an der Strassenbahn Haltestelle der 4.  

Indes, ein guter zunehmender Mond spendet ganz umsonst sein Lieblicht und die Basslinie von Bastis Boxen über meinem Kopf, macht eine kleine Sehnsucht nach dem engen Zusammenstehen in geheimen Bars von damals wach.

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