Begegnungen

Stüüürmüsch

Stüüürmüsch! 
Hatten einen runden Tag mit einer Rundreise. Der Liebste und ich im Auto. Der Himmel hing tief über dem weiten Land. Brandenburgischer Sand wehte mit den Böhen von der ungeschützten Ackerkrume hinweg. Schade. Gelbbraun diesige Horizonte. Das aber erst auf Rückfahrt. Ansonsten sanfte Hügel und Blaubeerwälder wunderbar. Ein paar richtige Störche stelzten durch wässrige Wiesen. Kraniche, vom Wind gestrubbelt, standen auf Feldern. Einmal lief uns ein großer Rehbock mit flaumfellbesetztem Gehörn fast vors Auto. Adrenalihihin zingerte durch unsere Körper.

Draußen blöhte ein Stürmlein. Die Gesträuche und Wälder bisweilen noch winterlich dünne, ließen die Böhen passieren. Dann wieder stemmten sie sich sehr frühingszart dem Zausewind entgegen. Weite Teppiche von Buschwindröschen legten sich für die Hummeln aus. Immer wieder Mooriges dazwischen. Spiegelnde Löcher im Erdreich unter den freiliegenden Wurzeln alter Erlen. Filigrane Lebenswelten. Um Fürstenberg herum erfreulich wenig Windräder. Keine wohl. In dem Städtchen Gespräche, die schienen, als seien wir alle ausgehungert nach freundlichen Worten. Menschen auf Parkplätzen lachend, einander zugewandt, manchmal auch besorgt, oh und ah, aha, die Köpfe zueinander geneigt, dann weite Gesten von Fernumarmungen. Oder einander winkend.

Bevor wir nach Fürstenberg kamen, kurvten wir mal ganz bewusst durch Gransee, stellten das Auto ab, spazierten um die Kirche. Hatten Glück und liefen zeitgleich mit zwei verwegen wirkenden Bauleuten, die ihre Kladde gezückt, den Sanierungsbedarf des alten Gemäuers notierten wie Ärzte, die um ein Krankenlager herum gehen und die Patientin freundlich befragen und hier und da mal die Decke lüpfen. Dabei lächeln. Und sich ihrer Arbeit freuen und der Heilungsprozesse. Seltsame Einkerbungen und Mulden auf den klosterformatigen Steinen in der Kirchenwand. Was diese Kerben zu bedeuten haben, wird zu erfragen sein, spätestens wenn ich mich der Stadt für einen Reiseführer zuwende. Noch ist das Projekt nicht in ganz trockenen Tüchern, aber in vorgewärmten. Reiseführer durch das Oberhavelgebiet. Heute, das war mehr ein Voraus-Schnuppern. Noch sind die Räume einem verschlossen. Es braucht immer eine Absprache, einen Termin und spezielle Erlaubnis, hier und dort hinein zu gehen, eine Ausstellug anzusehen, ein historisches Gebäude zu besichtigen. Noch geht davon kaum etwas, nichts spontan jedenfalls. Ich bin dennoch froh, heut in Fürstenberg gewesen zu sein. Habe reichlich Beute abgeschleppt, Bücher und Blätter, Karten, vor allem aber Gespräche, angedeutete Geschichten. Und eigene Inaugenscheinnahme. Berührung. Keine Internetrecherche kann solche Ausbeute liefern. Und erst auf diese Art werde ich zufrieden.

Zwischendurch allerdings bekamen wir per Telefon Nachricht über die Ergebnisse unseres Antikörpertestes. Hm… beim Liebsten alles guuut. Bei mir reagiert der Körper ganz und gar pazifistisch, durch und durch pazifistisch sozusagen. Er weigert sich noch, eine starke Armee aus Antikörperchen aufzustellen, die sich gegen Coronaspikes und Tricks gerüstet wehrhaft mich verteigen. Das kleine Trüpplein, das jetzt da ist, würde nicht lange standhalten. Also ganz schnell mit einer Impfung nachlegen. Meine wie immer sehr freundliche Hausärztin habe ich an meiner Seite, leider hat auch sie immernoch zu wenig Impfstoff. „Ich nehme auch Astra…“ sagte ich tapfer. Sonst dürfte ich wohl kaum in der kommenden Zeit als Genesene geschützt und schützend sein. Das macht was mit mir. Macht mich bange und unsicher. Wie gut es mir tat, trotz wankender Kräfte, mir sagen zu können, ich bin jetzt gefeit! Daran merke ich erst, wie sehr ich mich danach sehne, mich als genesen und gefeit ansehen zu können. Und auch für die Arbeit unterwegs zu sein und Einlass finden zu können. Ich würd gern dem Virus eins auf die Spikes hauen, dass ihm jedwedes Mutieren vergeht. Na ja…ein bissel was ist ja da an Harnisch.

Zurück zur Rundreise. Erst seit Oktober haben wir das Auto. Auf den Landstraßen beginne ich sachte, das Autoreisen zu genießen. Autobahnen finde ich gruselig und ermüdend. Noch habe ich selbst keinen Führerschein. Und ich schiebe es vor mir her, ihn zu absolvieren. So viel Zeit und Geld auszugeben, fürs Verkehrsregelnlernen, Kistenmanövrieren und dafür, Schreckensmomente mit kaltem Schweiß oder hysterischen Kreisch- oder Lachanfällen zu überstehen…grrrrrrr. Aber solche Fahrten über Land, wie heute, mit „Guck mal hier“ und „Ach wie schön“ , die stimmen mich – doch – sachte – sehr gewogen. Runde rum. Ein guter Tag.

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